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Seine Schüler haben ihn zum Fressen gern

 20. Februar 2008

logofAZ

Seine Schüler haben ihn zum Fressen gern

Zirkus bedeutet für mich auf der einen Seite Glamour und im Rampenlicht zu stehen, auf der anderen Seite steckt aber auch ein knallhartes Business dahinter." Jochen Träger, alias Krenzola junior ist Tierlehrer im Zirkus und hat eine Vorliebe für aussergewöhnliche Dressuren. Zurzeit ist der 41 Jahre alte Mann bei Circus Busch-Roland angestellt, einem der ältesten Zirkusunternehmen Europas. Gerade war er mit seinem Programm "The Color of Life" auf zehnmonatiger Deutschlandtour. Krenzola war schon bei rund 25 verschiedenen Zirkusunternehmen in ganz Europa angestellt. Er beeindruckt die Zuschauer mit seinen dressierten Tieren. Zu seinen rund 120 Tieren zählt er Tauben, Hunde, Füchse, Enten, Katzen, Papageien und viele weitere Kleintiere. In seiner Nummer "Arche Noah" führt er all diese Tiere, die sich in der Natur "zum Fressen gern haben", zusammen in der Manege vor.

Sein grösster Stolz ist die Mönchsgeier-Dame Kyra, die seit ihrer Geburt im Zirkus lebt und sich zwischen all den anderen Tieren in der Manege sehr gelassen gibt. Der besondere Vogel erreicht ausgewachsen eine Flügelspannweite von knapp drei Metern und ist damit eine der grössten Geierarten weltweit. Das Publikum ist fasziniert, wenn der riesige Geier über seine Köpfe hinwegfliegt. Kyra ist einzigartig in Europas Manegen und brachte dem begeisterten Tierlehrer und -pfleger einen Auftritt beim Zirkusfestival in Monte-Carlo ein. Der Fürst kannte den Geier von Monte-Carlos zweitem Zirkusfestival. "Damals trat mein ehemaliger Chef dort mit Kyra auf. Als der Fürst sich nun vor vier Jahren an die Nummer mit dem Geier erinnerte und anfragte, ob ich beim Festival mitwirken möchte, war ich natürlich sofort dabei." Leider gewann der in Köthen, Sachsen-Anhalt, Geborene keinen Preis. Darum sei es bei diesem Ereignis auch nicht gegangen, was zähle, sei "die irre Atmosphäre".

Der Familienvater stand schon in Frankreich, Holland, Schweden, Dänemark, der Slowakei und in Portugal in der Manege. Am besten gefiel es ihm bis jetzt in der Schweiz. Dort lernte er seine Frau Joulia kennen. "Ich war von Anfang an von ihr fasziniert, und mir gefiel es, wie liebevoll und vertraut sie mit ihren Tieren umging. Als ihr Hund krank wurde, ergriff ich die Initiative und half ihr, ihn gesund zu pflegen. So kamen wir ins Gespräch." Inzwischen sind die beiden verheiratet und haben einen fünfjährigen Sohn. "Wir bemühen uns, dass unser Kleiner vom Zirkusleben profitiert und dass für ihn keine Nachteile entstehen", sagt die 32 Jahre alte Mutter, eine gebürtige Russin. "Uns ist es sehr wichtig, dass unser Sohn viel Disziplin hat." Nicolas wurde zu Beginn des diesjährigen Schuljahres in Aken an der Elbe eingeschult. Hier, 17 Kilometer von Köthen entfernt, hat die Familie ihren festen Wohnsitz. Vom Kultusministerium Sachsen-Anhalt haben die Eltern eine Sondergenehmigung für eine Fernschule beantragt. Wenn der Kleine nicht vor Ort in die Schule geht, sondern mit seinen Eltern unterwegs ist, wird er abwechselnd von seinem Vater und einer pensionierten Lehrerin unterrichtet, die immer wochenweise mit dem Zirkus mitreist. Zudem sind Aufenthalte in der heimischen Schule in Aken Bestandteil des Programms.

"Inzwischen besitzen wir einen ziemlich komfortablen, amerikanischen Wohnwagen. Wir haben mit unseren 40 Quadratmetern Platz für alle nötigen elektrischen Geräte, wie zum Beispiel Waschmaschine und Satelliten-TV. Im Bad haben wir sogar eine Badewanne." Für Nicolas ist es nichts Besonderes, fast auf der ganzen Welt zu Hause zu sein. "Wenn ich gross bin, möchte ich auch beim Zirkus arbeiten, wie meine Mama und mein Papa. Ich will mit meinen Hasen und Meerschweinchen auftreten", sagt der braunhaarige Junge mit Irokesenschnitt. "Natürlich würden wir uns freuen, wenn unser Sohn mit in unseren Beruf einsteigt", sagt Jochen Träger. "Von Joulias Seite aus wäre er dann die vierte Generation. Jetzt müssen wir aber erst noch ein paar Jahre warten; mal sehen, wie ernst es ihm dann noch ist." Seine Eltern standen früher nicht so hinter ihm: "Meinen grössten Traum, einen Hund, wollten mir meine Eltern nicht erfüllen; sie sind nicht besonders tierlieb. Ich sparte lange Zeit und kaufte mir schliesslich von meinem Konfirmationsgeld einen Collie." Seine Eltern waren von seinem Wunsch, Artist zu werden, nicht sehr begeistert. "Ich begann nach meinem Realschulabschluss eine Lehre als Schlosser. Als ich dann aber achtzehn war und selbst entscheiden konnte, was ich machen möchte, ging ich von zu Hause weg, um beim Zirkus anzufangen. Meine Eltern und Grosseltern waren wütend, sie wollten nicht, dass ich gehe. Mein Vater sagte, ich würde bestimmt nach drei Wochen mit einem ,blauen Auge' wieder vor der Tür stehen. Als sie dann aber irgendwann merkten, dass ich es wirklich ernst meine, unterstützten sie mich." Die Begeisterung und die Liebe zu seinen Tieren waren gross genug, um sich hochzuarbeiten. Seine Ausbildung, zunächst zum Tierpfleger, erhielt er im Staatszirkus der ehemaligen DDR. Dort qualifizierte er sich mit vielen Weiterbildungen zum Tierlehrer. Er nutzte jede Chance, und die gab es in diesem Betrieb, der staatlich organisiert und entsprechend ausgestattet war, reichlich.

"Heute sind meine Eltern stolz auf mich, und sie kommen uns manchmal am Wochenende besuchen, wenn wir auf Tour sind. Ich habe das erreicht, von dem ich schon seit meiner Kindheit geträumt habe. Ich habe meine Tiere immer um mich herum und bekomme dafür auch noch Geld. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und darf das Publikum damit begeistern."

Ausser einer 16 Jahre alten Narbe am rechten Unterarm, die er sich durch einen Biss von seiner Geierdame zuzog, hat der Tierlehrer, der seit 23 Jahren in der Manege steht, bisher keine grösseren Verletzungen erlitten. "Trotz guter Dressur sind Tiere einfach nicht immer einschätzbar. Manchen meiner Tiere kann ich bis heute noch nicht ganz trauen. Bei anderen weiss ich in bestimmten Situationen genau, dass sie gleich zubeissen. Ich bin froh, dass ich bis jetzt weitgehend von Unfällen verschont wurde. Es ist als Artist immer wieder schrecklich, wenn man hört, dass ein bekannter Kollege ums Leben kam."

Bei den meisten Zirkussen herrsche unter den Artisten eine sehr enge Beziehung. Es sei zwar nicht so, wie manche es sich manchmal vorstellen, dass eine "Mama" abends für alle einen grossen Topf Spaghetti koche, aber wenn man nachts um drei Uhr beim benachbarten Wohnwagen anklopfe und frage, ob man Zucker bekäme, würde man diesen immer bekommen. Das Einzige, was er sich manchmal wünsche, sei ein bisschen mehr Zeit. "Wir können nie sagen: Komm, packen wir unsere Koffer, wir fahren ein paar Wochen ans Meer. Wir sind eben immer an den Zirkus gebunden. Aber das nehme ich für meinen Traum in Kauf."

Carina Hübner, Rosenstein-Gymnasium, Heubach

 Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung / Sonntagszeitung vom 20.2.2008, Seite N4
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